Meine Angststörung, die Emetophobie

07.09.2024 Emetophobie 6 Min.

Die Angst vorm Erbrechen (Emetophobie) begleitet mich seit meiner Pubertät und war Grund, warum ich 2015 erstmals einen Therapeuten aufsuchte. Mit den Geburten unserer Söhne (2009 und 2011) war diese Phobie plötzlich wieder präsenter. Ich war mir sicher, dass die Ursache nicht in irgendeinem Kotz-Vorfall sondern tiefer liegen würde. Und so kam ich während meiner Therapiestunden schnell auf das Verhältnis zu meiner Mutter. Heute weiss ich, die Emetophobie ist nur ein Sympton für die Angst vor meiner Mutter, der ich jahrelang ausgeliefert war.

Der folgende Text stammt von 2015, meine Emetophobie war damals ziemlich ausgeprägt…

Kotze ist eklig, Kotzen auch. Das hat niemand gern und das weiss auch jeder. Aber für Emetophobiker ist diese Aussage so schwer zu verstehen. Erst wenn jemand es so direkt es anspricht, es uns ins Gesicht sagt, erkennt man: Ja, das stimmt wohl. Erbrechen ist eklig, niemand erbricht gern. Das Gefühl von Ekel beim Anblick von Erbrochenem, es ist normal. Das sagte mir einmal eine Psychotherapeutin. Ein Satz wie «Wenn es regnet, wird man halt nass.» Voller Logik, aber erst mir gegenüber ausgesprochen relativiert es meine Angst. Es ist völlig normal mit Ablehnung, mit Schauern zu reagieren. Weil jeder so reagieren würde. Nur die Spirale, die danach beginnt, ist es nicht. Man nennt sie Angstkreislauf. Ich nenne es Gedankenkarussell. Manchmal braucht es nur wenig, damit es sich dreht. Manchmal kann ich es stoppen. Manchmal verliere ich mich in seinem Strudel. Falle in Panik. Fühle mich dann wie jemand, der rechts ein Engelchen und links ein Teufelchen auf den Schultern sitzen hat. Der Engel beruhigt mich mit lieben Worten. Nichts wird passieren. Alles gut. Aber gleichzeitig hebt der Teufel spöttisch seinen Dreizack und ruft mir lachen zu: wirst schon sehen, es wird passieren!

Ich habe mir abgewöhnt, meine Kinder zu fragen, ob jemand im Kindergarten oder in der Schule wegen Krankheit fehlte. Das gibt dem Gedankenkarussell nur unnötig Schwung. Ich kann und werde es nie kontrollieren können, ob oder wann sie sich anstecken. Wenn es passiert, passiert es eben. Zu wissen, dass sie sich dort oder da angesteckt haben könnten, ändert nichts an der Sache. Wenn sie dann aber einmal kränkeln, dann verfalle ich leider immer noch in Alarmbereitschaft und wache argwöhnisch über meine Kinder. Sie essen wenig oder nichts? Das kann nur eines bedeuten. So meint es mein Angstkopf. Jegliches Dagegensteuern in Form von «Warte es erst einmal ab» oder «Das kann tausend andere Gründe geben» ist zwecklos. Ich soll lernen, es einfach nur wahrzunehmen. Er hat wenig gegessen. Punkt. Kein Nachgedanke. Kein Nachsatz. Kein Gedankenkarussell. Punkt. Nur wie stellt man das an? Gedanken kommen nun mal unwillkürlich und schiessen quer durch den Kopf. Wie als würde das Teufelchen kleine Blitze abfeuern. Was mir bisher half, war umkehrt zu denken. Also positiv. Situationen, die es schon öfters gab, wo ich dachte, wir hätten die Magendarmkäfer schon im Haus, wo dann aber doch wieder nur die Angst über der Vernunft stand. Ich nehme mir diese Zustand als Vorbild: Schau da passierte auch nicht, also wird diesesmal auch wieder nichts von deinen Befürchtungen eintreten. Und ich verfluche die Verknüpfung an jene Situationen, wo es dennoch passierte. Nur weil ich einmal nachts erwachte und mich übergeben musste, heisst es nicht, dass sich das jedes Mal abspielen wird, wenn ich mitten in der Nacht die Augen aufschlage. Stunden sass ich da schon da. Tigerte wie ein ferngesteuertes Wesen durch die Wohnung. Suchte Halt in bestimmten Handlungen, die mir vorgaben, sicher zu sein, damit nichts passiert. Zwangshandlungen nennt es die Psychologie. Das Licht im Bad musste angeschaltet sein, der WC-Deckel geöffnet. Obwohl ich eigentlich nicht ins Klo erbrechen kann. Dann zur Sicherheit noch den Stöpsel vom Waschbecken rausgenommen, damit es im Fall schneller abläuft. In der Küche hatte derweil der Wasserkocher zu tun. Heisses Wasser für die Wärmflasche und einen Tee. Meist suchte ich nervös nach Kaugummi und meinem Duftwässerchen, dass mir eine Bekannte gegen nervöse Zustände gegeben hatte. Aura Soma. Hilft es nicht, schadet es auch nicht. Aber es gab mir Halt. Weil mir kalt und zugleich aber auch heiss war, öffnete ich das Fenster. Frische Luft tut doch auch bei Übelkeit gut, schoss es mir dann oft durch den Kopf. Also einen gaaaanz tiefen Atemzug nehmen. Dreimal ein- und wieder ausatmen. Fühlte sich meist gleich ein wenig besser an. Dann doch aber noch schnell in dicke Wollsocken gesprungen und eine Kuscheldecke umgehangen. So sass ich dann am Küchentisch. Vor mir der Laptop oder ein Notizbuch um mein Angstagebuch zu füllen. Die Aufzeichnungen waren fast immer identisch. Ein toller Tag bis zu einem kleinen Gedankenkarussellanstubser und schon folgte der Körper den von der Angst iniziierten Unwohlwehwehchen. Bauchgrummeln, Aufstossen, Zittern, Durchfall. Die volle Palette an angsttypischen Merkmalen. Obwohl ich sie kannte, und mich zu beruhigen versuchte, ein Stück Zweifel blieb jedesmal. Diesmal könnte es vermutlich ja doch anders sein. Ich schrieb, die Seiten füllten sich. Die Zeit verging, die Nacht hangelte zum Morgen über. Letztendlich kam ich meist an dem Punkt, wo mir die Übelkeit vor totaler Erschöpfung egal war. Im wahrsten Sinne scheissegal. Dann kotze ich halt ins Bett, schoss es mir durch den Kopf bevor ich die Augen schloss und mich der Müdigkeit ergeben gab.

Neun Jahre später und nach meinem Klinikaufenthalt ist mir bewusst, was hinter meiner Phobie steckt. Ich wurde immerzu kontrolliert als Kind, alles musste genau nach Vorgabe passieren. Bloss nicht abweichen und schon gar nicht widersprechen. Dass sich Dinge für mich doch ins Positive drehten, war so gut wie ausgeschlossen. Ich hatte es ja nach Aussage meiner Mutter nie verdient, egal, wie ich mich bemühte. Und Konsequenzen waren physische und vor allem psychische Gewalt.

Heute weiss ich, dass mir die Kotzangst eigentlich geholfen hat, aus dem ganzen Kreislauf auszubrechen, sie hat mir gezeigt, dass sich nicht alles kontrollieren lässt. Die Emetophobie hat mir praktisch die Augen geöffnet, auch wenn sie mich ziemlich derbe leiden liess. Daher die Bezeichnung Schlampe. Die Angst als eine Art Synonym für meine Mutter, die über mich bestimmen will, die mich lähmt und total fertig macht, der ich ausgeliefert bin und nichts entgegensetzen kann. Machtlos.

Mittlerweile habe ich meine Angststörung gut im Griff. Ich kann meinen Kindern beistehen und fühle keinen Fluchtreflex, wenn einer am Würgen ist. Ich streife ihre Haare zurück, halte den Eimer, streichele ihre Rücken. Bin dabei. Dann stecke ich mich halt auch an. Vielleicht brauche ich das Erbrechen einmal wieder um zu merken, dass man nicht daran stirbt. An Ostern 2024 krassierte der Norovirus in dem Pflegeheim, wo ich schaffe. Nicht nur viele Bewohnenden, sondern auch Angstellte waren betroffen. Ich blieb verschont, hatte ein paar Tage lang jedoch schon Bauchgrummeln und Angst. Vielleicht oder ganz bestimmt auch nur eingebildet.

Ich weiss, die Angst wird nie ganz verschwinden und mich mein Leben lang begleiten. Aber mittlerweile habe ich sie im Griff, und nicht mehr sie mich.

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