10 Jahre ohne dich und doch jeden Tag mit dir

02.03.2026 privat 4 Min.

Heute jährt sich der Tod meines Papas zum zehnten Mal.

Als meine Eltern sich trennten, war ich sieben Jahre alt. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich verstand nicht, warum ich meinen Papa nicht mehr lieben durfte. Warum schlecht über ihn gesprochen wurde. Besuche bei ihm wurden mir manchmal verwehrt, weil ich „nicht brav“ gewesen war, ich schlechte Noten hatte, mein Zimmer nicht richtig aufgeräumt hatte, weil mein Schulthek unordentlich war (Stifte nicht angespitzt, Hausaufgabenheft nicht vorgetragen usw.), weil ich gelogen hatte (aus Angst). Meine Mutter fand immer einen Grund, um mir das Wiedersehen mit meinen Paps zu unterbinden. Wenn ich traurig von ihm zurückkam, brachte das meine Mutter auf die Palme. Einmal wurde ich mit einer Ohrfeige und den Worten "ich will nicht, dass du heulend zurückkommst" empfangen. Ich habe sie vor ein paar Jahren darauf angesprochen. Wie nun mal üblich als Narzisst hat sie das heruntergespielt und sich sofort in die Opferrolle geschlüpft und bei mir Verständnis gefordert. Wtf?

Doch mein Paps bemühte sich immer, sein Besuchsrecht einzuhalten. Er wollte für mich da sein.

Natürlich war er nicht perfekt. Wer ist das schon? Aber was zwischen meinen Eltern war, war nicht meine Schuld. Ich habe Jahre später meine Mutter darauf angesprochen, dass ich mir gewünscht hätte, man hätte mir das alles in Ruhe und vor allem ohne Vorwürfe erklärt. Aber ich erfuhr kein Verständnis, das Lamentieren gegenüber meinen Paps hielt an. Und wurde mir bis zum Kontaktabbruch immer wieder meinerseits an den Kopf geschmissen. Das war und bleibt mein wunder Punkt. Und ist eben auch mit ein Grund dafür, dass ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen habe.

Wenn wir zu seinen Geschwistern in Berlin mit dem Zug gefahren sind, durfte ich mir am Bahnhofskiosk in Freiberg für die lange Fahrt immer eine Fanta und ein Mickey-Mouse-Heft, später dann sogar die Bravo, kaufen. Kleine Dinge mit so grosser Bedeutung für mich. Und in der Bahn, wenn ein Zug entgegenkam, sagte er immer mit einem verschmitzten Lachen: "Nu schau mal, der letzte Wagen hängt wieder hinten dran." Ein Satz, der mir immer wieder durch den Kopf geht, wenn ich mit der Bahn reise und ich einen Gegenzug vorbeirauscht. Und dann denk ich lächelnd an meinen Paps.

Unvergessen auch unsere gemeinsamen Ferien an der Ostsee 1990. Es war ein untypisch warmer Februar, ich lief mit Rock und Strumpfhosen am Usedomer Strand entlang. Mein Paps hielt diesen Moment auf einem Foto fest und sorgte damit einmal mehr für Unmut bei meiner Mutter. (Rock im Winter, ein NoGo!!! Fraueli, es hatte fast 20Grad!!!!) Und dann dieser Februar im Jahr 1991. Winterferien mit meinem Paps. Meine Mutter hatte mich soeben zu ihm gebracht, als er mich fragte, ob ich Skihosen dabeihätte. Ich sehe mich heute noch in seinen Flur stehen wie er meint, er hoffe, ich hätte warme Sachen eingepackt. Noch am selben Abend sassen wir im Zug in Richtung Österreich, es ging über München, Salzburg und Lienz ins Osttiroler Defereggental. Das erste Mal die Alpen mit eigenen Augen sehen. Ich drückte meine Stirn fast durch die Wagenscheibe vor Begeisterung. Und die letzte Etappe mit dem Bus ist mir auch so gut in Erinnerung geblieben. Wir fuhren enge Serpentinen hinauf. Mein Paps, wohl auch nicht so höhentauglich, stöhnte bei jeder Kurve "Ogottogott ist das hoch." Auch der Satz geht mir durch den Kopf, wenn ich in den Bergen an engen Stellen unterwegs bin.

In Maria Hilf verbrachten wir eine Woche in einer kleinen Pension. Jeden Tag waren wir mit den Langlaufski unterwegs. Zwischenstopp jeweils in einem Restaurant, dort gab es Cola und ein Überraschungsei für mich. Und er genoss ein Bier.

Das waren Tage ohne Angst. Tage, in denen ich einfach ein normales Kind sein durfte.

Er hat getan, was er konnte. Vielleicht hätte er gern mehr bewirkt. Aber für mich hat er Grosses getan: Er hat mir Erinnerungen geschenkt, die stärker sind als alles andere.

Ich vermisse ihn jeden Tag. Aber heute ganz besonders.

Danke Paps für alles! Irgendwann sehen wir uns wieder, ich bringe Freiberger Pils mit und dann stossen wir an während wir uns eine F6 anzünden. Und fahren mit dem Zug durchs Bündner Oberland. Das hätte dir gefallen!

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Kommentare

Lorenzo schrieb am 02.03.2026 um 16:21 Uhr

Wirklich schön geschrieben!

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